Liebe Gemeinde,

jedes Jahr am 1. Sonntag im Oktober feiern wir das Erntedankfest, dass uns daran erinnern möchte, dass alle Kreaturen, auch wir Menschen, eingebunden sind in den großen und lebendigen Zusammenhang, den wir Christen als Gottes Schöpfung begreifen.

Wir wissen aber auch, dass durch uns Menschen diese Erde nach wie vor bedroht ist.

Die Luft ist dick, das Wasser oft verschmutzt und Pflanzen und Tieren wird der Lebensraum immer mehr entzogen.

Wir tun so, als gehöre diese Erde uns, dabei sind wir nur Gast auf ihr.

Gott hat uns Menschen in der Schöpfungserzählung den Auftrag gegeben: „Macht euch die Erde untertan“.

Wie dieser Mensch sein sollte, wie er handeln müsste, um seinem Auftrag als Ebenbild Gottes gerecht zu werden, erzählt eine moderne Fabel aus unseren Tagen:

Am Tag, als das Gras nach unten Wuchs und die Vögel rückwärts flogen, berief der König der Tiere eine Vollversammlung ein. Auf der Tagesordnung stand als einziges Thema:

„Was ist der Mensch?“

Allgemeine Zustimmung fand ein gemeinsamer Vorschlag der Läuse und Flöhe – denn die haben am meisten mit den Menschen zu tun, – die Tiere sollten doch einen offenen Tag durchführen, um die Menschen kennen zulernen. Nachdem das Risiko sorgfältig durchgesprochen war, denn es ist immer ein Risiko, Menschen zu begegnen, beschlossen die Tiere einen „Tag der offenen Tür“.

Die Vögel hatten die Einladung in alle Welt zu tragen; und so geschah es. Es sollte ein Fest der Begegnung werden, ein Fest der fröhlichen Kreatur. Die Hyänen bekamen den Auftrag, Wache zu halten und jeden Gast, der vorgab, ein Mensch zu sein, nach seinem Ausweis zu fragen, und die Identität zu prüfen.

Nun kam der erste Mensch an die Grenze der Tiere. Würdevoll erhob sich die Hyäne, ging auf den Fremdling zu und fragte ihn: „Bist du ein Mensch?“ „JA“, sagte der Zweibeiner. – „Womit kannst du dich als Mensch ausweisen?“ fragte die Hyäne. – „Nenne mir drei unveränderliche Kennzeichen.“ Ohne zu zögern antwortete der Gefragte: „Du siehst, ich gehe aufrecht, du siehst, dass ich wie ein Mensch aussehe, du hörst, dass ich wie ein Mensch spreche! Ich bin ein Mensch.“ – „Das genügt uns nicht“, sagten die Tiere und wiesen den Gast ab.

Nach kurzer Zeit kam ein anderer und wollte in das Reich der Tiere. Auch ihm wurde gesagt, er solle sich durch drei unveränderliche Kennzeichen als Mensch ausweisen. Er überlegte einen Augenblick und sagte: „Ich bin von einem Menschen gezeugt, und von einem Menschen geboren, also bin ich ein Mensch; ich denke über die Vergangenheit nach, und plane für die Zukunft! Also bin ich ein Mensch.“ – „Schon besser“, sagten die Hyänen, „wir wollen es mit dir versuchen, obwohl auch du uns die eigentliche Antwort schuldig geblieben  bist.“ – Noch viele kamen an die Grenze der Tiere, und ihre Antworten waren: Ich fühle, ich habe einen Beruf, ich habe Geld, ich habe Macht, ich habe eine Wohnung, ich habe Waffen und vieles andere mehr.

Aber die Tiere waren enttäuscht. Schon wollten sie den „Tag der offnen Tür“ absagen, da kamen drei singende Kinder.

„Warum singt ihr?“ fragte die Hyäne. – „Weil wir uns freuen“, antworteten die Kinder. „Warum seid ihr gekommen?“ fragte sie  weiter. – „Weil wir euch danken und uns freuen, dass es euch gibt“,  antworteten die Kinder. –

„Und warum kommt ihr zu dritt?“ wollte die Hyäne weiter wissen. „Weil wir uns lieben“, riefen die Kinder, überschritten einfach die Grenze und wurden herzlich aufgenommen. –

„Ja, das sind Menschen!“ sagte die weise Eule, „denn sie reden nicht von Kenzeichen, sondern sie sind es selbst:

FREUDE, DANK und LIEBE.“ …es wurde ein herrlicher Tag und die Tiere begannen zu hoffen.    (Peter Spangenberg)

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein nachdenkliches Erntedankfest 2015

Ihre Pfarrerin Gaby Remus

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